Wartezimmer
Eine Analyse der Sitzplatzwahl und anderer Eigenheiten von Patienten im Wartezimmer einer radiologischen Gemeinschaftspraxis in vier Akten. Mit Sex und Drogen! (Naja, die Drogen waren Kontrastmittel, und der Sex: Ich ohne Hose...)
1. Sitzplatzwahl
Gegeben sind: Eine Eckbank für ca. 5 Personen mit einem Tischchen davor (so dass man in die Ecke nur sehr schlecht hereinkommet, sollten schon andere Personen die Randbereiche der Eckbank in Beschlag genommen haben), 6 im Halbkreis aufgestellte Sitze (wiederum mit einem Tischchen in der Mitte), und ein Durchgang zu einem weiteren, kleineren Wartezimmer, das in dieser Analyse nicht berücksichtigt werden kann, da es sich meinen Blicken entzog (fiese Winkel!).
Der Einfachheit halber nummerieren wir die Sitze in der Reihe durch, von 1 bis 6, die Eckbank bietet die Plätze 7 bis 11 (1 und 6 seien die Randsitze, 7 und 11 der Randbereich der Eckbank).
Die Sitzauswahlregeln sind eigentlich ziemlich einfach:
Ist beispielsweise nur Sitz 1 belegt, wähle man am besten einen Platz in der Eckbank oder Sitz 5 oder 6. Eigentlich ist das relativ egal, nur zwei Punkte sind hier essentiell: Es sollte mindestens ein freier Platz zum nächsten Nachbarn vorhanden sein, und man sollte Plätze vermeiden, die es zu einem späteren Zeitpunkt erforderlich machen, sich an anderen Patienten vorbeizwängen zu müssen.
Falls das Wartezimmer schon sehr voll ist, muss man eben mit dem leben, was zu haben ist.
Problematisch ist nur der Fall, bei dem zwei nebeneinander liegende Plätze frei sind. Wie entscheiden? Hier sollte man durchaus nach Äußerlichkeiten gehen, z.B. sich nicht neben die Frau in Trainingshose und Badelatschen mit dem Urinbecher in der Hand setzen.
2. Auswahl der Lektüre und Lesegewohnheiten
Die Lektüre war für eine Praxis dieser Größe etwas spärlich. Oder im anderen Raum. Spiegel, Stern und die Lokalzeitung waren vorhanden, aber nur je einmal in der aktuellen Ausgabe. Dann: Geo (immerhin zwei Exemplare), Das goldene Blatt, Haus und Garten und Emma (Yvonne Catterfeld über Magersucht und Alice Schwarzer vs. Papst + Guido W.). Und die üblichen Informationsbroschüren über "Strahlung - alles halb so wild" vom Bundesamt für Strahlenschutz.
Als ich das Wartezimmer betrat, war eines der Geos schon in Verwendung, das andere war unter minderwertigen Zeitschriftenmaterial vergraben, dass ich mich nicht anzufassen traute. Außerdem war es auf dem anderen Tisch, ich hätte aufstehen müssen um temporär Besitz davon zu ergreifen. Unvorstellbar, da ich schon saß und eine goldene Wartezimmerregel besagt: "Sitzenbleiben bis der Arzt kommt". Die restlichen Drucksachen schienen zu uninteressant, um die erforderliche kinetische Energie aufzuwenden, so blieb mir also nichts anderes, als die Holzmaserung des Parketts zu begutachten. Und die anderen Wartenden natürlich.
Diese wählten erwartungsgemäß: Geo war am populärsten, damit kann man einfach nichts falsch machen. Zumindest fast: Der Herr mit der Halbglatze schräg gegenüber bewegte die Lippen. Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden, man sollte aber die Grunzlaute unterlassen, die immer dann zu hören waren, wenn er einen Zusammenhang verstanden hatte. Vermutlich. Vielleicht hatte er auch eine Erkältung.
Spiegel und Stern teilten sich den zweiten Platz auf der Popularitätsskala. Dem Stern half hier die Tatsache, dass der "Lesezirkel"-Umschlag die nackten Frauen auf der Titelseite versteckte.
Schwerer hatte es das goldene Blatt. Einige Damen starrten durchaus interessiert auf die Zeitschrift, manch eine schlug gar kurz die Titelseite oder das Inhaltsverzeichnis auf, trotzdem blieb die Zeitung lange ungelesen liegen. Eine alte Dame erbarmte sich schließlich, und widmete sich Prinz Harrys Schulproblemen und den neusten Fotos irgendwelcher Nachkommen irgendeines in der monegassischen Erbfolge recht hoch stehenden Adelsgeschlechts.
Schlecht für Frau Schwarzer: Niemand liest Emma.
3. Kommen und Gehen
Da es sich wie schon gesagt um eine Gemeinschaftspraxis handelte (min. ein halbes Dutzend Ärzte), war reges Kommen und Gehen angesagt. Wenn ein Neuling die heimelige Vertrautheit der Wartezimmerhallen betritt, erfolgt quasi als Initiierung und Aufnahmeritual in die Gemeinschaft der Wartenden die Begrüßung: Der Neuankömmlung murmelt ein schüchternes "Hallo" (oder "Guten Tag / Morgen", je nach Alterklasse und Uhrzeit), dass dann von den meisten Anwesenden mit einem unverständlichen Gebrummel beantwortet wird. Damit wird signalisiert, dass die Anwesenheit eines neuen Individuums registriert wurde, und man offziell den Status eines Mitwartenden und -leidenden erlangt hat.
Dieses Protokoll wird erstaunlicherweise von fast allen Patienten eingehalten, es gab während meiner Beobachtungen nur eine Ausnahme: Ein sturmfrisierter Endzwanziger betrat mit mehr Elan als nötig das Wartezimmer und brüllte uns ein "Guten Morgen" entgegen. Die Reaktion der Anwesenden war abzusehen: Schock, Verwirrung, Terror! Niemand wusste, wie zu reagieren war, die meisten starrten schweigend, mit Entsetzen in den Augen den Rüpel an, die Frau auf der Bank neben mir brach in einen nervösen Hustenanfall aus, eine Dame auf der Sitzgruppe gegenüber versuchte zu antworten, bekam aber nur einen unnatürlich hoch gekrächzten Ton hervor. Es war entsetzlich, glücklicherweise wurde ich nur ein paar Minuten später in die Umkleide des Untersuchungsraums geführt.
4. Untersuchung
Nun, dieser Teil ist nicht mehr analytisch. Nur noch die versprochenen Sex- und Drogenstories. Nachdem mich eine Arzthelferin unserer treuen Wartegemeinschaft entrissen hatte, musste ich die Treppe hinab in die Katakomben der Praxis steigen, wo die Ärzteklasse ihre misslungenen Experimente und die Goldbarren, die sie durch Falschabrechnung mit den Krankenkassen erschlichen hatten stapelten. Zugegeben, das ist nur Spekulation, denn ich musste zur Untersuchung die Brille abnehmen und sah alles nur noch verschwommen. Jedenfalls musste ich, bar meiner Hose, meinen Weg in den Untersuchungsraum ertasten, vorbei an einem Yeti (jedenfalls hatte es viele Haare) in die zentrale Kammer mit dem Magnet Resonanz Tomographen.
Dieser besteht aus einer engen Röhre, in die man Kopf voraus geschoben wird und einem verborgenen Gerät, das laute, nervtötende Geräusche macht. Man bekommt vor der Untersuchung noch eine Kanüle für das Kontrastmittel gelegt und gesagt, dass das ganze in 20 Minuten vorbei ist.
Irgendwie dauert das ganze dann doch immer 40 Minuten. Aber egal, das Kontrastmittel entschädigt für vieles. Dann: Hose und Brille wiederfinden und zur Besprechung mit dem Doktor doch bitte noch mal kurz ins Wartezimmer.
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