Schlussgebet - kleine Texte in großen Abständen.

Dienstag, September 21, 2004

Treibsand

Letzte Woche war ich aufgebrochen, um meine Verwandtschaft in der Nähe des Orinocco-Deltas zu besuchen. Ich nahm also mein Kayak, das ich immer an der Station Neumayer vertaut habe, schipperte den Benguelastrom nach Norden, und bog dann links in den Orinocco ab. Ich paddelte durch die sanften Deltawellen, in Richtung der Hütte meines Cousins 2. Grades. Er hieß Tok, aber das auch erst seitdem ihm ein Papagei im Tiefflug mit ihm kollidiert war. Der Papagei hatte ihm die Schädeldecke auf der rechten Seite durchschlagen und verendete, nicht ohne ein gehöriges Schlamassel in Toks Gehirn angerichtet zu haben. Seitdem spuckte er ab und an Federn, zudem hatte er Anfälle, bei denen er nach draußen rannte, um sich im Dreck zu wühlen. Letzteres lag wahrscheinlich an der Therapie mit Warzenschweinurin, die der Arzt verschrieben hatte.
Ich legte also an dem Steg an, an dem ich immer anlegte, wenn mir danach war, meinen Cousin Tok zu besuchen und schlenderte den Pfad zu seiner Bambushütte entlang. Dort angekommen, musste ich leider feststellen, dass er gerade außer Haus war. Er besuchte seine Nichte in Mbabane, die gerade zur 13. Frau des Königs von Swasiland auserwählt worden war.
Ich war natürlich enttäuscht, ich hatte mich auf Toks Geplapper gefreut, zudem war ich über 3000 Seemeilen umsonst gepaddelt. Ich beschloss, mich noch etwas in der näheren Umgebung umzusehen und dann erst nach Hause zu fahren. Eine schlechte Idee, wie sich herausstellte. Als ich gerade Toks Beachvolleyballplatz bewunderte, musste ich feststellen, dass der Regen der letzten Wochen die Gegend in Treibsand verwandelt hatte.
Tja. Hier stecke ich nun und sinke mit einer Geschwindigkeit von ca. einem Zentimeter pro Tag. Glücklicherweise hat Tok WLAN in seiner Bambushütte, und ich mein Notebook dabei. Also Tok, wenn du das liest: Grüße deine Nichte von mir. Und: Hilfe!